Ärger über Ableismus

Bloggerin: Frau Frogg

In letzter Zeit habe ich mich ein paarmal über Ableismus-Debatten geärgert. So sehr, dass ich endlich etwas gründlicher nachgelesen habe, was «Ableismus» ist. Hier eine kurze Definition:

Ableistisch sind alle Alltagssituationen und sprachlichen Äusserungen, in denen Menschen mit einer Behinderung ausgeschlossen, mit Vorurteilen konfrontiert, auf ihre Behinderung reduziert oder abgewertet werden. Ableismus funktioniert im Grunde gleich wie Rassismus und Sexismus.
 
Eine junge Frau sitzt am Abend vor dem Bildschirm, sie schreibt  auf der Tastatur und blickt betrübt auf den Bildschirm.
Die Google-Suche nach Ableismus hilft nur bedingt weiter.

Das deckt sich mit dem «sozialen Modell» von Behinderung. Dieses geht davon aus, dass Menschen durch ableistische Praktiken und Äusserungen überhaupt erst zu «Behinderten» gemacht werden. Doch genau an diesem Punkt habe ich Mühe mit den Begriffen «Ableismus» und «Behinderung». Ich meine, nehmen wir die Praxis, dass man mit meinem Hausarzt nur telefonisch einen Termin abmachen kann. Mich macht das zur Behinderten, denn zum Telefonieren brauche ich drei Hilfsmittel, und noch dann geht es an manchen Tagen nicht. Wollte ich nicht mehr «behindert» sein, müsste ich fordern, dass die Welt aufhört zu telefonieren. Aber das kann es nicht sein. Denn für 99 von 100 Personen ist das Telefon eine ungeheure Erleichterung des Alltagslebens. Ich kann nicht ableistisch finden, dass es existiert.

Ableistisch finde ich hingegen, dass meine Hausarztpraxis mir im Internet-Zeitalter angeblich keine Alternative anbieten kann. Das ist ein echtes Problem, denn es schliesst Hör- und Sprechbehinderte nicht nur aus – es kann lebensgefährlich sein. Und es ist weit verbreitet. Auch das Bundesamt für Gesundheit hat nur eine telefonische Corona-Hotline. (siehe netzbrief avanti donne zu diesem Thema und Webseite BAG). Doch halt: Ist das wirklich ableistisch? Oder ist das nicht sogar im juristischen Sinne diskriminierend? Dann wäre es gemäss Bundesverfassung (Art. 8) verboten, und über Ableismus müssten wir dann gar nicht diskutieren. Wir müssten dann einfach dafür kämpfen, dass es Lösungen gibt – oder dass ein Behindertenverband sie für uns einklagt.

Mühe habe ich auch mit diesen endlosen Diskussionen über «Ableismus» in der Sprache. Natürlich gibt es Bezeichnungen und Redensarten, die für Menschen mit Behinderung eindeutig abwertend sind. Das gehört korrigiert. Bei Leidmedien.de gibt es gute, sachliche Alternativvorschläge (siehe Liste). Doch neulich sass ich mit einer Gruppe «Hörbehinderter», pardon, «Hörbeeinträchigter», pardon, «gleich Betroffener» zusammen. Wie «es» denn nun genau heissen sollte, darüber redeten wir fast eine halbe Stunde. Das war ein interessanter Zeitvertreib. Aber ich verstehe einfach nicht, wie eine solche Diskussion auch nur ansatzweise das Stigma entfernen soll, das mit Schwerhörigkeit verbunden ist. Geschweige denn, wie solche Gespräche unsere Alltagsprobleme lösen. Mich kann jede gerne hörbehindert, meinetwegen auch hörgeschädigt nennen, solange sie mich dabei anschaut und deutlich spricht.

Damit wir die Welt verändern können, müssen wir sagen können, was Sache ist. Und wir müssen unserem Gegenüber eine Chance geben, mit uns zu sprechen, ohne dass es schon bei der Frage nach dem Unterschied zwischen Behinderung und Beeinträchtigung in Angstschweiss ausbrechen muss.
 
Ich finde auch, das Anprangern von Ableismus auf den sozialen Medien bringt uns nicht in jedem Fall weiter. Auf Facebook, Instagram und Twitter «trendet» das Thema #ableismus in Wellen. Immer mal wieder werden wird aufgefordert, unter einem bestimmten Hashtag unsere Erfahrungen mit Ableismus zu beschreiben. Meist verharren diese Beiträge in der Anklage. Ich muss gestehen, ich habe bei solchen Aktionen auch schon mitgemacht. Es ist bequem und kostet nichts. Ich habe Dinge geschrieben wie: «Einen Hausarzttermin bekomme ich als hochgradig Schwerhörige nur mit einem Telefongespräch. #ableismus». Hat es irgendetwas verändert? Nicht, dass ich wüsste.

Ein einziges Mal erlebte ich, dass eine Ableismus-Diskussion mich weiterbrachte. Eines Tages schrieb ich auf Twitter unter dem Hashtag #ableismus: «Als es mir dreckig ging, sagte ein Psychiater zu mir: Sie sind zu gut ausgebildet, um eine Depression zu haben. #ableismus». Mein Beitrag reihte sich nahtlos in unzählige ähnliche Beiträge unter demselben Hashtag ein. In allen berichteten Menschen mit psychischen Problemen, dass sie mit zum Teil haarsträubenden Begründungen in Krisensituationen abgewimmelt und im Stich gelassen wurden – von Profis aus dem Gesundheitswesen. Es war offensichtlich: Hier gibt es eine Art von Voreingenommenheit, die System hat. Für mich hat das etwas verändert. Ich fand den Psychiater, mit dem ich gesprochen hatte, nicht mehr so ausserordentlich dumm wie vorher. Und ich wusste: Ich muss mich nicht dafür genieren, in eine solchen Situation geraten zu sein. Es hat System.

Hashtag-Aufschreie können also sinnvoll sein. Sie zeigen, dass nicht die Betroffene schuld ist an dem, was man zu ihr sagt – sondern verbreitete Vorurteile. Das verringert Scham und weckt gemeinsame Empörung. Im Idealfall könnte das dazu führen, dass Leute sich zusammentun, um diese Stereotypen zu beseitigen.
05. September 2021 Selbst erlebt 0
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