Odyssee


Bloggerin: Frau Frogg


Eigentlich dachte ich, zum Thema Mundschutzmasken und Schwerhörigkeit sei das Wesentliche gesagt, nämlich dies: Schwerhörige haben meist grosse Schwierigkeiten, ein maskiertes Gegenüber zu verstehen. Ich wollte das leidige Thema nur noch vergessen. Aber in den letzten Tagen ist mir ein paarmal ein Erlebnis hochgekommen, das ich mitten im Lockdown hatte. Damals habe ich mich einfach durchgewurstelt – aber an einem ruhigen Sommernachmittag wurde ich plötzlich richtig wütend – auf meinen Arzt, auf seine Assistentinnen, auf die allgemeine Ahnungslosigkeit der Welt.

Es passierte am 14. April gegen Abend. Ich stand vom Stuhl in meinem improvisierten Homeoffice auf. Es war der Dienstag nach Ostern. Beim Sitzen war mir das linke Bein eingeschlafen. «Lustig, mir ist das Bein eingeschlafen», dachte ich und machte einen Schritt vorwärts. «KRACH!» machte es, sogar ich hörte es. Mein linker Fuss war eingeknickt. Danach konnte ich ihn nicht mehr belasten. Über Nacht wurde er blau und schwoll an.

«Gehen Sie nur im Notfall zum Arzt», hiess es damals. Ich hinkte trotzdem in die Praxis. 400 Schritte und eine Busfahrt. Die sonst immer überfüllten Räume waren gespenstisch leer. Ein paar Assistentinnen huschten in Masken umher, eine von ihnen komplimentierte mich sofort ins Röntgenzimmer.

Dann kam mein Hausarzt. Er kennt mich und weiss, dass ich sehr schlecht höre. Er schaute den Fuss flüchtig an, trat zwei Schritte zurück, schob die Maske unters Kinn und erklärte mir laut und deutlich, was ich zu tun hatte. Ich war froh, dass er das so machte. Unter der Maske hätte ich ihn nie verstanden. Die Akustik im Röntgenraum ist grauenhaft, und Masken – wie gesagt: eine Zumutung für Hörbehinderte.

Er ging hinaus, zwei Arztgehilfinnen kamen herein. Sie wirkten seltsam verschreckt. Wie hellblaue Tauben flatterten sie heran, fixierten mein Bein auf dem Röntgenapparat, sagten Dinge in ihre Masken, die ich nicht verstand und flatterten eilig wieder davon. Es sah so aus, als hätten mich die beiden lieber gar nicht angefasst. Dafür habe ich alles Verständnis der Welt. Damals wusste man noch sehr wenig über das Virus. Jede hätte es haben können, auch ich.

Der Arzt kam wieder herein, betrachtete die Röntgenbilder und sagte ein paar Dinge, aber nicht in meine Richtung. Ich erkämpfte mir mit mehrmaligem Nachfragen die Information, dass der Fuss nicht gebrochen sei und war erleichtert. Beim Hinausgehen sagte der Arzt noch etwas von «Versicherung». «Ja, natürlich bin ich unfallversichert, über meinen Arbeitgeber», sagte ich. Die Arztgehilfinnen verbanden mir sorgfältig den Fuss und streckten mir die Stöcke entgegen, um die ich zuvor gebeten hatte. Ich sah die Dinger an und wusste: Damit komme ich ohne Training nicht mal aus dem Haus hinaus. «Nein danke, ich werde es ohne versuchen», sagte ich und hinkte zur Bushaltestelle.

Zehn Tage lang verband ich den Fuss wie geheissen und schonte ihn. Dann war die Schwellung zwar weg, aber blau war er immer noch. Ich hatte einen Tag, an dem ich relativ gut hörte (das kommt vor) und rief die Arztpraxis an. Die Frau am Telefon sprach langsam und deutlich. «Ja, hier, ich sehe Ihre Krankengeschichte. Haben Sie noch Schmerzmittel?» Ich: «Schmerzmittel?! Welche Schmerzmittel?» Sie: «Hier steht, wir hätten ihnen Schmerzmittel mitgegeben.» Ach so. Nein, ich hatte keine Schmerzmittel. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass ich welche hätte bekommen sollen. Und da stimmten noch ein paar andere Dinge nicht. So stand in der Krankengeschichte, man hätte mir Stöcke mitgegeben. «Nein, das ist nicht wahr», sagte ich. «Ich wollte sie dann doch nicht.» Ausserdem, sagte die Frau am Telefon, habe mir der Arzt gesagt, ich solle gleich in zwei Wochen einen weiteren Termin zur Kontrolle abmachen. Auch davon hatte ich nichts gewusst. «Na, dann ist es ja gut, dass ich jetzt anrufe», sagte ich.

Ich betone: Ich befürworte die Maskenpflicht, wo immer sie nötig ist, insbesondere auch in Arztpraxen. Aber ich betone auch: Die Betreiber von Arztpraxen sollten sich überlegen, wie sie mit Schwerhörigen besser umgehen. Es gibt Dinge, die nicht so einfach zu behandeln sind wie ein verknackster Fuss. Ich bin nicht sicher, ob durchsichtige Masken die richtige Lösung sind. Aber vielleicht sollte man es mal versuchen.

Am 27. April hinkte ich wieder in die Arztpraxis. Diesmal nahm ich meinen Mann mit. Ich wollte eine gut hörende Person dabeihaben. Ich hatte den Eindruck, dass alle in der Praxis etwas respektvoller mit uns umgingen als bei meinem ersten Besuch. Aber vielleicht lag es auch nur daran, dass inzwischen die Corona-Fallzahlen stark am Sinken und alle etwas gelassener waren. Jedenfalls erfuhr ich nun, dass ich eine Distorsion am Fuss hatte. Mein Mann und ich, beide des Lateins kundig, streiten heute noch darüber, ob eine Distorsion nun eine Verstauchung sei oder nicht, aber einerlei: In etwa einer Woche könne ich wieder normal gehen, sagte der Arzt.

So war es auch. Eine Woche später nahm ich den Verband ab und vergass die Sache. Am 15. Juni fuhren wir in die Ferien. Ich hatte am Anfang beim Wandern Respekt vor unwegsamen Strecken. Aber abgesehen davon war alles in Ordnung. Es ging mir gut.

Als wir am 4. Juli aus den Ferien zurückkamen, fand ich einen Brief meiner Arztpraxis vor. Er war datiert am 18. Juni. In dem Schreiben stand, ich müsse meinen «Bagatellunfall» umgehend der Versicherung meines Arbeitgebers melden, mir eine Unfallnummer besorgen und diese der Arztpraxis übermitteln. Wenn die Praxis bis drei Monate nach der Behandlung keine Unfallnummer des Versicherers habe, müsse ich die Behandlung selber zahlen. Die Frist lief bis 15. Juli.

«Hallo?!» sagte ich so laut, dass ich es selbst hören konnte. Ich hatte den Unfall doch meinem direkten Vorgesetzten gemeldet. Auch unsere Sekretärinnen wussten Bescheid – ich war im Lockdown einen Tag lang im Büro herumgehumpelt und hatte ihnen alles erzählt. Niemand hatte mir etwas von einer Unfallnummer gesagt. So eine Nummer zu bekommen, war keine Bagatelle, das merkte ich schnell. Ich verwendete einen Morgen darauf herauszufinden, was ich genau machen musste. Als ich meinen Chef fragte, wer mich hätte informieren müssen, sagte er: «Keine Ahnung. Also, ich sicher nicht!» Wäre das vielleicht Sache des Arztes gewesen? Ich weiss es nicht.

Ich wartete. Am Abend des 14. Juli konnte ich endlich meine Arztpraxis anrufen und die Unfallnummer durchdiktieren. Genau am Abend vor Ablauf der Frist. Seither habe ich nichts mehr von der Sache gehört.

 
13. September 2020 Selbst erlebt 0
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