Zügeln mit Behinderung

Bloggerin: Frau Frogg

In einem Punkt habe ich mich geirrt: Ich glaubte, wegziehen sei schwierig. Ich hatte Panik, das Organisatorische werde mich überfordern, weil ich Mühe mit Telefonieren habe. Ich hatte Angst, mit Packen nicht rechtzeitig fertig zu werden, weil ich so schnell müde werde. Ich sah kommen, dass ich voller Wehmut sein würde, weil wir – nicht ganz freiwillig – einen Ort verliessen, an dem wir fast zwanzig Jahre lang glücklich gewesen sind. Der Schwindel würde mich packen mitten im Zügelstress. Ich hatte Horrorvisionen. Wenn wir erst angekommen sind, ist es ok, dachte ich. Am neuen Ort kann ich mir ja dann für alles Zeit nehmen. Auch, wenn ich, ehrlich gesagt, nicht ganz sicher war, dass wir je ankommen würden.

Dann zügelten wir, und ich stellte fest: Weggehen war relativ einfach – mein Mann erledigte das Organisatorische fast allein. Fürs Packen hatte ich Ferien und Freundinnen halfen mir. Am Zügeltermin stand alles parat. Von Schwindel keine Spur. Alles cool.

Wir kamen auch an, irgendwie. Doch bis wir uns eingerichtet hatten …! Unser Zügeltag war einer dieser rekordverdächtig heissen Tage Ende Juni. Als die Zügelmänner gingen, standen wir in unserer neuen Wohnung, verschwitzt und von Schlafmangel leicht irr. Es war alles ok. Und doch fühlte sich alles an wie ein entsetzliches Chaos. Als ich zum ersten Mal am neuen Ort schlafen ging, legte ich meine Uhr neben das Bett – und das Gefäss für die Hörgeräte. «Was immer du tust», dachte ich, «du musst wissen, wo die Uhr und die Hörgeräte sind». Die Uhr: Das äussere Zeichen dafür, dass ich die Welt im Griff habe, nicht sie mich. Die Hörgeräte, damit ich überhaupt etwas höre. Noch immer kontrolliere ich abends: Ja, der Becher mit den Hörgeräten steht neben meinem Bett. Ja, die Uhr ist da.

Alles andere wanderte in der Wohnung umher, scheinbar ohne unser Zutun. In der ersten Woche brauchte ich morgens eine Viertelstunde, bis ich so etwas Einfaches wie eine Tasse Kaffee auf den Weg gebracht hatte. Ich musste alles suchen. Alles war mir fremd. Nichts ging einfach so. Heimweh nach dem alten Ort hatte ich nicht. Aber einmal ertappte ich mich, wie ich zu einem neuen Nachbarn auf unserer neuen Dachterrasse sagte: «Von daheim aus sieht man Richtung Norden bis nach Unterwil.» Mit «daheim» meinte ich unser altes Zuhause.
 

Der Blick aus Frau Froggs neuer Wohnung. Manchmal fühlt sie sich dort zuhause.

Ich will jetzt nicht nur klagen: Der neue Ort ist phantastisch. Die Wohnung ist hell und hat einen irrsinnig schönen Parkett. Sie ist gerade noch zahlbar und hat eine tolle Dachterrasse und einen coolen Innenhof. Die Nachbarn sind nett, und weil alles neu ist, hatten wir hatten einen Grund, den ganzen Sommer über Freunde einzuladen – jeweils höchstens zwei aufs Mal, damit mich das Stimmengewirr nicht überforderte. Und: Ich habe mich in meinen neuen Arbeitsweg verliebt. Er führt mitten durch den schönsten Teil unserer Stadt. Aber sagen wir es so: Es war eine emotionale Herausforderung.

Dabei half nicht, dass wir auf eine Baustelle gezogen waren. Die Handwerker, die mich am Anfang auf’s Handy anriefen! Und was alles fehlte! Im Schlafzimmer gab es keine Storen. Ich schlief mit Augenbinde, um nicht um fünf Uhr morgens vom ersten Tageslicht aus dem Schlaf gerissen zu werden. Manchmal wachte ich um 7.30 Uhr auf und dachte: «Gopf, hier riecht es nach Teer!» Wenn ich dann die Hörgeräte einsetzte, merkte ich: Unten auf dem Vorplatz ratterten die Baumaschinen in voller Lautstärke, oft auch am Samstag.

Mit der Zeit wurde es einfacher. Der Innenhof wurde fertig. Die Storen kamen. Der Kaffee steht am Morgen in drei Minuten auf dem Tisch. Das Schlafzimmer fühlt sich an wie ein Daheim. Und gestern habe ich erstmals meine Uhr verlegt. Ich fand sie wieder unter einem Stapel Zeitungen auf dem Küchentisch. Da wusste ich: Doch, wir sind angekommen. Drei Monate hat es gedauert.

 
24. Oktober 2019 Album 0
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