Zehn Jahre


Bloggerin: Frau Frogg


Ich erinnere mich noch an das Datum, an dem ich ins Spital ging: Es war der 30. Oktober 2009, ein Freitag. Ich lag da und wusste: Mein Leben wie ich es gekannt hatte, war vorbei. Der Arzt sah das anders. «Nun seien Sie doch nicht so pessimistisch», sagte er zwei Tage später. «Sie hören auf dem guten Ohr schon wieder einen Drittel besser als vor zwei Tagen.» Aber ich hatte damals schon viele Jahre Erfahrung mit dem Krankheitsverlauf in meinem schlechteren Ohr. Warum sollte die Krankheit auf dem bisher guten anders verlaufen? Meine Ängste waren zahl- und namenlos.

Eine Frau blickt von einem Hügel in die Ferne aufs Meer hinunter.

Eine Diagnose kann alles verändern. Aber sie st nicht das Ende.


Habe ich recht behalten? Jein. Ja, ich bin tatsächlich praktisch ertaubt. Aber erstens hat es viel länger gedauert als ich erwartet habe. Ich bekam noch ein paar gute Jahre geschenkt, in denen ich zeitweise sogar Musik hören konnte. Zweitens geht es mir viel besser als ich damals befürchtet habe – unter anderem, weil ich ganz famose Hörgeräte habe. In Konversationen mit bis zu vier Personen an einem ruhigen Ort funktioniere ich beinahe normal. Auch telefonieren geht mit technischen Hilfsmitteln.

Aber mein Leben veränderte sich erheblich. Nicht zuletzt beruflich. Ich bekam das ungeheure Privileg, nicht mehr voll arbeiten zu müssen. Das hat mich gerettet. Dann und wann habe ich Kontakt mit schwerhörigen Bekannten. Dann bekomme mit, wie sie in oft ungeeigneten Arbeitssituationen manchmal bis zum Burn-out den Existenzkampf bestreiten müssen. Ich schäme mich dann ein bisschen, weil ich in einem stillen Büro mit wenig Telefonzwang ein paar Stunden am Tag einer recht erfüllenden Arbeit nachgehen darf.

Weder für den Lohn noch fürs Prestige ist so ein Behindertensetting bei der Arbeit besonders förderlich. Ich kann nicht sagen, dass mir das egal ist. Ich war ehrgeizig, früher. Aber es gibt andere gute Dinge im Leben. Zum Beispiel habe ich eine für Schweizer Verhältnisse traumhafte Klimabilanz: Aus Angst vor Hörstürzen und Schwindelanfällen bin ich in den letzten zehn Jahren nur dreimal kurze Strecken geflogen. Dafür lernte ich, dass ein Frühlingsspaziergang in den Hügeln und Wäldern am Stadtrand total beglückend sein kann.
 
Wald mit verschiedenen Bäumen, dahinter blauer Himmel, aufgenommen im Eigental bei Sempach

Spazieren statt Fliegen: Die Behinderung trägt zu Frau Froggs vorbildlicher Klimabilanz bei.


Mein Partner war vor zehn Jahren auf seine Art so schockiert wie ich und weigerte sich sogar, mich ins Spital zu begleiten. «Du kannst ja noch gehen», sagte er. «Ich sehe nicht ein, warum ich mitkommen soll.» Damals wäre unsere Beziehung beinahe gescheitert. Aber wir haben die Kurve gekriegt. Heute ist er nicht mehr mein Freund, sondern mein Mann. Ich habe Glück gehabt.

In unzähligen Blogbeiträgen habe in den vergangenen zehn Jahren darüber berichtet, was mir gerade passierte – auf froggblog.ch und hier, auf dem Blog von avanti donne. Nicht, weil ich Mitleid suchte. Ich wollte mitteilen, was in einer solchen Situation vor sich geht. Ich wollte es selber verstehen und einordnen, indem ich meine Erfahrung zu Texten machte. Freunde reagierten unterschiedlich. «Das ist eine intime Angelegenheit, das will ich nicht lesen», sagte eine im Theater tätige Freundin. «Gejammer», schrieb einmal ein anonymer Leser. «Das ist ein Versuch, eine Erfahrung zu vergesellschaften», sagte dagegen eine Soziologin unter meinen Freundinnen und fand es völlig legitim, ja, spannend. Ich jedoch musste lernen, dass man eine so aussergewöhnliche Situation nicht durch Sprache «vergesellschaften» kann.

Ein paar wenige können nachvollziehen, was das alles bedeutet. Die meisten nicht. Vielen musste ich erklären: Krankheit ist keine Metapher, keine wohlmeinende Reaktion des Körpers auf irgendetwas, was man im Leben falsch gemacht hat. Es hat keinen Sinn, darüber nachzudenken, was sie uns sagen will. Es hat nur Sinn, damit umgehen zu können. In den letzten zwei, drei Jahren habe ich weniger darüber geschrieben. Es war nicht mehr so wichtig.

Jahrelang empfand ich die Krankheit als Zumutung. Aber nach zehn Jahren weiss man nicht mehr, wer man geworden wäre, wenn alles anders gewesen wäre. Neulich sass ich mit einem Freund in einer kleinen, stillen Bar, kurz bevor der Feierabend-Betrieb einsetzte. Ich hatte ihn lange nicht gesehen. Er fragte mich, wie es meinen Ohren gehe und wollte seinem Mitgefühl Ausdruck geben. Ich lächelte ihn an und sagte: «Ach, lass es, es ist nicht so wichtig. Alle Leute haben Probleme.» Als es wenig später laut wurde, gingen wir.
 
02. Februar 2020 Selbst erlebt 0
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