Gefährliche Missverständnisse


Bloggerin: Frau Frogg 


In Österreich muss man zum Einkaufen demnächst Mundschutzmasken anziehen. Trägt das dazu bei, dass die Ausbreitung des Coronavirus sich verlangsamt? Darüber streitet die Fachwelt gerade episch, zum Beispiel hier. 

Fazit: Wahrscheinlich schon. Masken schützen zwar nicht in erster Linie die Trägerin. Sondern – sofern die Trägerin infiziert ist – vor allem ihre Mitmenschen. Denn das Virus ist ansteckend, auch wenn eine infizierte Person keine Symptome hat. 

Warum das Personal in Spitälern und Betagtenheimen Masken trägt, leuchtet sowieso unmittelbar ein. Bei der Pflege lassen sich Abstandsregeln nicht einhalten, Masken schützen also Bewohner und Patientinnen. Wenn Masken helfen, dann gehören sie aufgesetzt, ohne Frage. Auch eine zehnprozentige Reduktion des Risikos ist besser als überhaupt keine Reduktion. 

Ich muss aber auch sagen: Für hörbehinderte Menschen ist die Kommunikation mit Maskenträgerinnen eine besondere Herausforderung. «Abstand halten und Maske tragen» klingt für mich als stark Schwerhörige etwa so: «Obpfmbelltönnemschdedöge!». Und hörbehinderte Menschen (schwerhörige, gehörlose, hörsehbehinderte...) gibt es ziemlich viele: Laut dem Verband Sonos etwa 600'000 – besonders viele in Betagtenheimen, wo Maskentragen für die Angestellten Pflicht ist. Oder im Spital. Dort kann es besonders wichtig sein, zu verstehen, was eine Ärztin oder eine Pflegeperson sagt. Denn Missverständnisse, etwa wenn es um Medikamente oder Fragen zum Befinden geht, können gefährlich sein.

Hörbehinderte Menschen sind es zwar gewohnt, dass sie von einer Aussage oft nur Bruchstücke verstehen. Sie sind clever darin, sich aus diesen Fetzen zusammenzureimen, was man ihnen sagt. Sie lesen von den Lippen. Sie interpretieren Gesichtsausdrücke. Sie erschliessen Kontextwissen. 

Dumm ist nur: Wenn der Pfleger eine Maske trägt, sieht man vom Gesicht gerade noch die Augenpartie. Man sieht dann, wenn er staunt. Oder sich anstrengt. Oder gestresst ist oder ungeduldig. Mehr nicht. Was tun? 

Die Lösung liegt auf der Hand. Masken mit Sichtfenster. In den USA läuft gerade ein Crowdfunding dazu (siehe hier).
 
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Verstehen – auch mit Maske.  (Bild: gofundme)
 
 
Dabei gibt es diese Masken längst auch in Industrieproduktion. Da wir in der Schweiz derzeit aber nicht mal genügend gewöhnliche Masken haben, dürften Spezialmodelle erst recht nicht auf Lager sein. (Umso besser, wenn es welche hat.)

Für alle, die mit dem Vollverhüllungs-Modell klarkommen müssen, hier ein paar Tipps, wie die Verständigung vielleicht doch gelingen kann:

Tipps für Masken-TrägerInnen:

  • Machen Sie kurze Sätze; konzentrieren Sie sich aufs Wesentliche. Plaudern ist für bessere Zeiten.
  • Viele Dinge kann man zeigen: das Medikament, über das man spricht; die Haarbürste in der Pflege; die richtige Richtung zum Ausgang.
  • Wenn dann immer noch nichts geht: Sagen Sie den Satz nochmals, aber drehen Sie ihn um. Sagen Sie das Wichtigste zuerst.
  • Wichtig ist: Sprechen Sie deutlich und langsam - auch in hektischen Situationen.
  • Schreiben Sie kurze Informationen auf einen Notizblock oder aufs Handy.
  • Bleiben Sie geduldig oder verbergen Sie Ihre Ungeduld. Denken Sie dran: Das Gegenüber macht es nicht extra. Niemand kann etwas für seine Hörbehinderung.

  Tipps für Betroffene: 

  • Sagen Sie, dass Sie nicht gut hören – sofort und wenn nötig immer wieder.
  • Wenn Sie nur einzelne Wörter verstanden haben: Fragen Sie nach. Aber bauen Sie Informationen, die Sie bereits verstanden haben, gleich in die Frage ein. Beispiel: Der Arzt zeigt eine Salbe und sagt etwas von «einreiben». Patientin fragt zurück: «Wie oft soll ich die Salbe einreiben?».
  • Haben Sie immer einen Schreibstift und ein Stück Papier bei sich (auch Handy oder Tablet geht, Post-it-Blöckli oder Ritschratsch-Tafel...). Bitten Sie Ihr Gegenüber, das Gesagte oder die wichtigsten Stichworte aufzuschreiben.
  • Es gibt Software-Programme, die Gesprochenes in schriftlichen Text umwandeln. Voraussetzung ist ein Handy oder Tablet und dass die/der Sprechende deutlich spricht. Masken reduzieren die Deutlichkeit, da muss man ausprobieren. 
  • Bei wichtigen Gesprächen (Arzt, Pflege, Spitex, Ämter...): Sagen Sie, was Sie verstanden haben und lassen Sie sich vom Gegenüber bestätigen, dass Sie richtig verstanden haben.
  • Nicht aufgeben. Sie haben ein Recht zu verstehen, was das Gegenüber zu Ihnen sagt.  
  • Geduldig bleiben, lächeln. Dran denken: Die andere Person meint es grundsätzlich gut.

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Wichtiges aufschreiben!

Wenn es funktioniert, kann es sogar lustig sein. Ein gemeinsam gewonnener Kampf gegen die Widrigkeiten der Umstände. Ein Tänzchen mit Haarbürste und Ritschratschtafel.

 

 
 
 
 
03. April 2020 Selbst erlebt 0
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