Über die Liebe

Bloggerin: Raquel  (Bild: Symbolbild)

 
Die Liebe ist so eine Sache, sie ist das Wunderschönste, aber auch das Schlimmste auf Erden. Welches Mädchen kennt es nicht, verliebt zu sein und plötzlich ist alles aus? Wenn man auch noch eine Behinderung hat (egal in welcher Form), ist es meiner Meinung nach noch schlimmer und schwieriger, denn die Gründe einer Trennung betreffen meistens die Behinderung.
 
Ich schreibe hier über meine Empfindungen, meine Erfahrungen und was ich über dieses Thema denke, das mir sehr am Herzen liegt. Ich möchte meine Geschichte zur Liebe teilen mit vielen Mädchen, die das Gleiche oder Ähnliches erlebt haben, und mit vielen, die es wohl noch erleben werden.
 
Mit 14 war ich das erste Mal so richtig verliebt. Ich habe den Jungen fast täglich gesehen, da wir in die gleiche Schule gingen, doch er hat mich einfach übersehen. Dies zwei Jahre lang. Er schloss die Schule ab und  begann mit seiner Ausbildung – wir haben uns nie wieder gesehen. Meine Schwärmerei verging von Tag zu Tag.
Jahre vergingen, und ich dachte, es wäre normal, dass Mädchen mit einer Behinderung keinen Freund hätten. Und doch wünschte ich es mir sehr, denn jedes Mädchen in meiner Clique hatte einen Freund, ausser mir. Ich wurde zur Einzelgängerin, aber so lernte ich mich selbst besser kennen und schätzen. Ich war eine Frau wie jede andere auch. Warum sollte ich mich nicht verlieben dürfen?
 
Mit 19 war ich wieder verliebt: in einen Jungen der keine Behinderung hatte. Schlussendlich  war es nicht so toll, wie ich dachte – er wollte nur wissen, wie es ist, mit einer «behinderten Frau» eine Beziehung zu haben. Ich war am Boden zerstört und wollte mich nie wieder verlieben.
Als ich 24 war, gab es da einen jungen Mann, und wieder dachte ich: «Der ist es!» Doch der war es nicht. Auch er hat mir jeden Stern vom Himmel geholt, doch das Ganze verging sehr schnell. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt alle Hoffnung an die wahre Liebe verloren.
 
Nach dieser Trennung habe ich mich oft mit meiner Mutter unterhalten, und sie hat versucht, mir Ratschläge zu geben. Ausnahmsweise habe ich sie auch befolgt. Und siehe da: Das war mein Glück. Mein Rat hier an alle jungen Frauen: Hört auf eure Mutter! Egal was sie sagt, sie hat meistens Recht und ihr habt meistens unrecht! :-)
 
Eines Tages, als ich wirklich am Tiefpunkt angekommen war, sagte meine Mutter: «Kind, warum suchst du dir nicht jemanden mit Behinderung übers Internet?» Zuerst dachte ich: «Ach Mutter, du spinnst. Was soll ich mit einem Partner im Rollstuhl, wenn ich selbst im Rollstuhl bin? So brauchen wir ja beide Hilfe.» Doch wie gesagt, ich habe ja mit der Zeit gelernt, dass Mütter fast immer recht haben. Und so habe ich tatsächlich eines Abends «Partnerschaft und Behinderung gegoogelt» und mich auf myhandicap.ch angemeldet.
 
Auf dieser Homepage gab es einen Chat, und ohne darüber nachzudenken, habe ich die Profile der Männer angesehen. Es waren sehr viele aus Deutschland und Österreich angemeldet, aber unter anderem auch ein Schweizer aus dem Kanton Zürich, dessen Profilfoto mir sehr gut gefiel. Ohne nachzudenken, hinterliess  ich ihm eine Nachricht, und kurze Zeit später hatte ich Post von ihm. Daraufhin schrieben wir uns täglich, und ich erfuhr, dass er keine körperliche Behinderung hat, sondern eine genetische Bindegewebsstörung. Ich habe zwar den Rat meiner Mutter befolgt und einen Mann mit einer Behinderung gesucht, aber die Liebe meines Lebens ohne körperliche Einschränkung im Alltag gefunden.
 
Als er mich das erste Mal besuchte, dachte ich nur: «Den lass ich nie wieder gehen!» Wir hatten einen wunderschönen Samstag. Als er mich am Abend fragte, ob er am Sonntagmorgen wieder kommen dürfte, wusste ich definitiv, dass er der Richtige für mich ist.
Ich habe etwas unbeschreiblich Schönes gefühlt in seiner Anwesenheit – das kannte ich so nicht. Verliebt war ich zu dieser Zeit noch nicht, es war eher das Gefühl der Geborgenheit, und ich war ausser mir vor Freude, ihn wiedersehen zu dürfen. Ich konnte mein Glück kaum glauben. Er hat mir an unserem ersten Treffen sogar gesagt, dass er sich mehr als nur eine «Freundschaft» vorstellen könne und mich nach meiner Meinung gefragt.
Ich war in diesem Moment so auf Wolke 777, dass ich mit «Nein … ich weiss nicht recht» antwortete. Und doch haben wir uns geküsst und starke Gefühle entwickelt. Am nächsten Tag ist er wieder über 100 km gefahren, um mich zu sehen.
 
Nun bin ich bereits 30-jährig, und wir sind seit über fünf Jahren ein überglückliches Paar mit Höhen und Tiefen und allem, was dazu gehört. Für uns gibt es das Wort «Behinderung» nicht. Sicher gibt es im Alltag gerade mit einem Rollstuhl Herausforderungen, aber ich habe gelernt, dass es mit dem richtigen Partner keine Probleme, sondern nur Lösungen gibt.
 
Unsere Beziehung ist nicht viel anders als die von «gesunden Menschen». Man muss an jeder Beziehung arbeiten, und jeder braucht seinen Freiraum. Auf jeden Fall muss man sich aussprechen, wenn der eine oder der andere etwas nicht ok findet, denn nur so funktioniert in meinen Augen eine gute und harmonische Beziehung. Und wer weiss, wenn ich Glück habe, gehen meine weiteren Wünsche, die meine Partnerschaft betreffen, irgendwann  in Erfüllung.
 
PS: Dies ist für mich nicht nur einfach ein Bericht. Es ist für mich ein wichtiger Teil meines Lebens als Frau mit einer Behinderung. Im Endeffekt habe ich gelernt, dass für die Liebe eine Behinderung irrelevant ist, es zählt nur, dass sich zwei Menschen finden, die sich verstehen und lieben.
 
 
05. September 2014 Frau sein 1
Kommentar
Carolina Caccivio
Hallo, mir ging es genau wie dir ich dachte dass ich über mich lese, es gab auch einer der wollte mit mir ins Bett wegen den Lahmen Beinen das waren seine Worte. Oder ich sahs mit einer Freundin im Restaurnt habe die ganze Zeit mit einem Mann grflitet bis ich die Bremsen von meine Rollstuhl gelöst habe und er hat mich nicht mehr angesehen das tat sehr weh.
Aber auch ich habe meinen Mann gefunden, Wir sind seit 17 Jahren zusammen und 14 davon Verheiratet. Bei uns spielt die Behinderung keine Rolle.
06.09.2014 09:53:55

 
 
 
Newsletter abonnieren
Required form 'Newsletterabonnieren' does not exist.
Kategorien
Highlights
​Halbfertige Gespräche
 
Jahn trifft Vanessa
 
Schluss mit Gedanken-Hüpfis!
 
Archiv