Neulich im Geschäft

Bloggerin: Frau Frogg

Ich habe einen tauben Tag. Drüben im Grossraumbüro habe ich grösste Mühe, meine Kollegen zu verstehen. Aber ich bin nicht blind. Ich kann sehen, wie dem Kollegen Kurt die Hände zu zittern beginnen. Er murmelt einen Satz, in dem das Wort «Scheisse» vorkommt. Das Wort «Scheisse» verstehe ich gut – die «S» und «Sch»-Laute verliere ich immer zuletzt, wenn mein Gehör abstürzt. Den Rest verstehe ich nicht. Aber ich weiss, was er sagen will. Ich habe ihm eben ein E-Mail unseres Kunden Schrill überbracht – Kunde Schrill behauptet, Kurts Abteilung hätte einen krassen Fehler gemacht.

Ich sehe Kurt zittern und fluchen und bin erstaunt über so viel Fassungslosigkeit,  niemand wird deswegen sterben  – bis ich mich erinnere, wie auf Kurts Abteilung gearbeitet wird. Ich habe selber einmal dort gearbeitet. Der Job ist begehrt. Doch man verdient dort die Früchte seiner Arbeit in Angst und Schrecken. Fehler können existenziellen Schaden anrichten. Und dann der Zeitdruck, die Konkurrenz, der Stress! Kurt wühlt mit fahrigen Händen in seinen Papieren und glaubt schon zu wissen – «ja natürlich, wir haben sicher einen Fehler gemacht, das war so ein Scheisstag…» und er murmelt fünf oder sechs Sätze. Ich verstehe kein Wort, aber ich sehe seinen Stirnrunzeln an, was er sagt. Er lamentiert – ich weiss genau, wie das geht, ich  kann seine Klage auswendig, ich würde die Stirn runzeln genau wie er. Wir haben es beide hundertmal getan, meist als erbitterte Konkurrenten.

Und wieder denke ich, was ich hundertmal gedacht habe, wenn ich ihn seither aufgeregt gesehen habe – derweil ich selber im stillen Einzelbüro ruhig vor mich hinwerke, versetzt wegen meiner Krankheit: Warum bin ich krank geworden und er nicht? Warum? Und unterbreche mich dabei, denn mittlerweile bin ich fast sicher: Ich bin nicht krank geworden wegen der Arbeit hier. Die Krankheit hat die ganze Zeit in mir dringesessen, mein ganzes Leben lang, ein genetisches Programm, eine Zeitbombe. Es ist sehr wahrscheinlich Zufall, dass sie gerade damals hochgegangen ist.

Dann hat Kollege Kurt den richtigen Zettel gefunden und stellt atmet auf: Nein, nicht wir haben den Fehler gemacht. Kunde Schrill hat etwas Wichtiges übersehen. Schrill wird wenig später genauer hinschauen und sich entschuldigen für die Umstände, die er uns gemacht hat.

Mir bleibt der Moment, als Kurt plötzlich aufblickt und mich angrinst – er weiss, dass ich mich erinnere. Er erinnert sich auch, und jetzt braucht er mich nicht mehr zu hassen oder zu fürchten. Ich bin unschädlich geworden. Wir sind Komplizen. Vielleicht sind wir das immer gewesen – unter anderem.
 
07. September 2014 Selbst erlebt 0
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